Man stelle sich vor: Morgens, halb 10 in Deutschland. Mit Kaffee in der einen und Mettbrötchen in der anderen Hand sitzt man gemütlich am Frühstückstisch, lauscht dem Radio oder liest Zeitung. Plötzlich – ein Klopfen an der Tür. Der Briefträger!

"Nichts erreicht dich wie ein Brief", Inseratsujet der Deutschen Post

"Nichts erreicht dich wie ein Brief", Inseratsujet der Deutschen Post

Wie immer wühlt er verloren in seiner großen Tasche nach Briefen und Rechnungen. Und dann – das Horrorszenario: Der immer freundliche Briefträger zieht eine Elektro-Säge aus seiner Tasche, reißt einem den karierten Flanell-Pyjama vom Leib und beginnt einem ein Rechteck aus der Brust zu schneiden. Dann wird noch ein bisschen gelötet und geschraubt. Fertig! Der Briefträger reinigt die Säge und packt sie wieder weg. Dann rammt er die Umschläge in die Brust. “Ihre Post!”. Und dann geht der gute Mann. Das könnte Kunden der Deutschen Post durchaus passieren! Der Beweis ist dieses DIN A4 Inserat, gesehen in der Zeitschrift “beef”. “Nichts erreicht dich wie ein Brief” ist der Claim, der das Inserat am unteren Rand unterstützen soll. Mmmh. Nun gut, Briefe sind etwas Persönliches. Und ja, sie gehen einem ans Herz. Aber hätte man sich das so vorgestellt? Die Deutsche Post versucht hier aus den starren Konventionen, die der Post nun mal anhaften, auszubrechen: modern und innovativ will man sich darstellen – verängstigend und verwirrend ist man tatsächlich.

Im Gegensatz dazu, ein anderes Deutsche-Post-Inserat. Ebenfalls gesehen in der gleichen Ausgabe des “beef”. “Briefe halten Erinnerungen lebendig” ist hier der Claim. Eine alte Frau, die ihre Briefe aus Jugendzeiten wieder hervorgekramt hat und sich ihnen mit Ruhe und einer Tasse Tee widmet. Schön. Die Idee wurde sehr liebevoll und intelligent umgesetzt – der Claim besser übersetzt.

"Briefe halten Erinnerungen lebendig", Inseratsujet der Deutschen Post

"Briefe halten Erinnerungen lebendig", Inseratsujet der Deutschen Post

Beide Inserate scheinen also, so unterschiedlich sie auch sein mögen, derselben Werbelinie anzugehören. Dies verrät vor allem die Komposition der Gestaltungslemente und die Tatsache, dass die beiden Inserate zur gleichen Zeit im selben Medium veröffentlicht wurden. Verwirrend? Ja! Was macht die Deutsche Post da bloß? Bei meiner Recherche nach den Sujets auf der Website der Deutschen Post bin ich nicht schlauer geworden. Man sieht die altbekannten Bilder: Postmitarbeiter, Firmenautos, hektisches Treiben. Kein halbgeschlachteter Mann, keine alte Frau mit Pippi-Langstrumpf-Zöpfchen. Es bleibt also spannend um die Inseratenlinie der Deutschen Post.